v.l.n.r. Frank Hrouda (Museumspädagoge im Museum für Naturkunde Gera), Dr. Andreas Gerth (kommissarischer Leiter des Museums für Naturkunde) & Dr. Florian Sauer (wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Köln)

Geheimnisse aus Knochen entschlüsselt

Im September 2020 wurden vom Museum für Naturkunde Gera zahlreiche Knochen und Zähne von eiszeitlichen Tierarten wie Bison, Rentier, Pferd und Wollhaarnashorn an die Universität Köln entliehen. Die Kölner Wissenschaftler geleitet von Prof. Dr. Jürgen Richter untersuchen die Menschheits- und Umweltgeschichte während der Entstehung der anatomisch modernen Menschen vor 190.000 Jahren in Afrika und ihre Einwanderung nach Europa, vor allem die dort stattgefundenen Ausbreitungs- und Rückzugsbewegungen prähistorischer Populationen. Aus diesem Grund interessierten sich die Wissenschaftler auch nur für Knochenmaterial vom typischen Jagdwild des Neandertalers.

Am Montag, dem 25. Juli 2022 erfolgte die Rückgabe des im Museum für Naturkunde Gera aufbewahrten Knochenmaterials aus der in Gera-Pforten 1874 entdeckten Lindenthaler Hyänenhöhle. Jetzt schon klar ist: „Gera ist ein Glückspilz“, denn es konnten im Gegensatz zu Material von manch anderer untersuchten Fundstelle aus den „Geraer“ Knochen zahlreiche Informationen gewonnen werden. Grund dafür ist der meist hohe erhaltene Proteinanteil (vor allem Kollagen) in den Knochen – eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Altersbestimmung mittels der Radiocarbondatierung (C14). Solche Altersbestimmungen wurden im Rahmen dieses groß angelegten Projekts im Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie gGmbH in Mannheim durchgeführt. Dazu mussten an den entliehenen Fundstücken jeweils nur sehr kleine Mengen an günstigen Stellen wir Abbruchkanten entnommen werden.

Im Ergebnis konnte recht genau das Alter einiger der Knochen recht präzise festgestellt werden. Beispielsweise wurden zwei Proben vom Pferd mit jeweils 46.000 bis 44.000 und 41.000 bis 40.000 Jahren vor heute datiert. Noch etwas älter das Ergebnis der Datierung eines Wollhaarnashornknochens mit 47.000 bis 46.000 Jahren vor heute. Mit ca. 24.000 Jahren vor heute fiel die Datierung eins Rentierknochens jedoch deutlich jünger aus. Diese und die zahlreichen anderen Knochen und Zähne lagen nicht zufällig in der 1874 im heutigen Stadtteil Pforten im Kreuzungsbereich der Pfortener Straße und der Robert-Blum-Straße entdeckten Lindenthaler Hyänenhöhle. Die Höhle war ein sogenannter Hyänenhorst, wie er von Höhlenhyänen mindestens zum Auffressen der Beute und wahrscheinlich auch zum Aufziehen der Jungen genutzt wurde – und das offensichtlich über Jahrzehnte von zahllosen Generationen von Höhlenhyänen. Im Fall der Lindentaler Hyänenhöhle enthielt das Lockermaterial in den Felsspalten Knochenreste von mehr als 30 eiszeitlichen Tierarten! Auch viele Reste der Höhlenhyäne selbst wurden gefunden, darunter sehr junge aber auch alte Tiere mit verknöchertem Kiefer und bis auf die Wurzel abgenutzten Zähnen.

Mit den Altersdatierungen ist der Erkenntnisgewinn noch nicht beendet. Zukünftig wird anhand kleinster aus den „Geraer“ Knochen entnommener Proben mittels Isotopen-Analyse noch geklärt werden, wovon genau sich die Tiere jeweils ernährt haben. Die wissenschaftliche Veröffentlichung der Gesamtergebnisse steht noch aus und wird im Rahmen des Projekts „Neanderthal Prey“ geplant. Ziel der Untersuchungen ist nicht die Altersdatierung an sich. Durch die Altersbestimmung wurde jedoch festgestellt, welche Knochen sich für fortführendere Untersuchungen zwecks weiterer Kohlenstoff-Isotope eignen. Anhand dieser zukünftig durchzuführenden Isotopen-Analysen kann zum Beispiel noch geklärt werden, wovon sich die Tiere im Detail ernährten und ob sie dauerhaft an einem Standort lebten oder umherzogen. Daraus wiederum können Rückschlüsse zur damaligen Landschaft gezogen werden.

Die gewonnenen Erkenntnisse bereichern die Paläontologische Sammlung des Museums enorm. Im Jahr 2024 ist die Entdeckung der Lindenthaler Hyänenhöhle 150 Jahre her, was im Rahmen einer Sonderausstellung gewürdigt werden soll. Auch 2024 wird die Entdeckung des Pohlitzer Wollhaarnashorns (Bad Köstritz) ihr 120-jähriges Jubiläum begehen. Aus diesem Grund wurde auch eine Altersdatierung von Knochenmaterial dieses bekannten Wollhaarnashorns, dessen Skelett im Museum für Naturkunde Gera aufbewahrt wird, durchgeführt. Das Ergebnis war überraschend präzise, wird vom Museum aber erst zum Jubiläum im Jahr 2024 veröffentlicht.

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Filmbeitrag

 

 

untersuchte eiszeitliche Knochen aus der Lindenthaler Hyänenhöhle
untersuchte eiszeitliche Knochen aus der Lindenthaler Hyänenhöhle
untersuchte eiszeitliche Knochen aus der Lindenthaler Hyänenhöhle
untersuchte eiszeitliche Knochen aus der Lindenthaler Hyänenhöhle
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