Ernst Holzhäuser

Die Basis - Kunstentwicklung in Gera in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Basis. Kunstentwicklung in Gera in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Kunstsammlung Gera – Orangerie, Mittelpavillon

Die Kunstsammlung Gera bewahrt in ihren Beständen eine spezifische Sammlung mit Werken Ostthüringer Künstlerinnen und Künstler. Mit der neuen Sonderausstellung im Mittelpavillon der Orangerie will die Kunstsammlung Gera einen Blick auf die regionale Kunstentwicklung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts richten. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von 22 künstlerischen Positionen der Malerei, Grafik und Plastik und konzentriert sich dabei auf Künstlerinnen und Künstler, die entweder in Gera geboren wurden und zum Teil ihre künstlerische Enwicklung an anderen Orten vollzogen oder solche, die hier für viele Jahre ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt gefunden hatten.

Die erstaunliche Vielzahl mag durchaus ungewöhnlich erscheinen, denn mit Gera verbindet sich im historischen Rückblick nicht zwangsläufig die Vorstellung nach einer klangvollen Kunstmetropole. Gera liegt jenseits der traditionellen Kunstzentren und verfügte auch über keine künstlerische Hochschule, von der wichtige Impulse zur Kunstentwicklung ausgehen konnten. Aufmerksame Beobachter und Besucher in Gera registrieren heute noch erstaunt die einstige Pracht und Blüte der prosperierenden Industriestadt am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die erhaltene reizvolle Architektur historistischer Bürgerstraßen und eine Vielzahl von Villen zwischen Gründerzeit und Jugendstil, haben dem Stadtbild zum Teil das historische Ambiente der Jahrhundertwende bewahrt.

In dieser Stadt, mit ihrem spröden Klima aus skeptischer Distanz und gelassener Offenheit, sprossen schon seit dem frühen 19. Jahrhunderts immer wieder künstlerische Keime und bildeten ihre ersten Blüten. Das Schaffen der in Gera geborenen Maler Heinrich und Friedrich Philipp Reinhold, die zu den bedeutenden deutschen Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts gehören, steht exemplarisch dafür.

Die in Gera zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebenden Künstlerinnen und Künstler gehörten verschiedenen Generationen an, die in Stil und Haltung ein breites Spektrum künstlerischer Positionen aus Traditionalisten, Kopisten und Vertretern von Jugendstil und Symbolismus sowie der impressiven Landschafts- und Freilichtmalerei verkörperten.

Die Stadt lieferte im wirtschaftlichen Aufschwung der ersten Jahrhunderthälfte genügend Nährboden, dass auch recht unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten reiften, die später mitunter für die Entwicklung der deutschen Kunst von großer Bedeutung waren.

Dazu gehörte der berühmt-berüchtigte Brutalrealist der deutschen Kunst Otto Dix, der 1891 im kleinen Vorort Untermhaus bei Gera geboren wurde, aber seine weiteren Schaffensjahre außerhalb seiner Vaterstadt verbrachte und in den großstädtischen Metropolen Dresden, Düsseldorf und Berlin zur herausragenden Künstlerpersönlichkeit avancierte. Auch der nur zwei Jahre jüngere Kurt Günther lieferte mit seinem erotischen Verismus einen eigenständigen Beitrag zur Kunst der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Das die Kunstsammlung Gera heute über zahlreiche Werke der regionalen Kunstentwicklung verfügt, ist dem damals sehr ambitionierten Stadtbaurat Wilhelm Luthardt zu verdanken, dem eigentlich nach dem Ersten Weltkrieg die große Herausforderung zukam, die herrschende Wohnungsnot der Nahkriegszeit in der Industriestadt Gera zu beseitigen. Er unterhielt in jener Zeit enge Kontakte zu Architekten und Künstlern und hatte ein feines Gespür für soziale Situationen entwickelt. Um der wirtschaftlich schwierigen Lage der bildenden Künstler in Gera nach dem Krieg entgegenzuwirken, unterbreitete er im März 1920 dem Stadtrat von Gera den Vorschlag spezielle Fördermaßnahmen zu ergreifen, was in anderen Städten beispielsweise durch Erlass von Wettbewerben oder Ankauf von Bildwerken bereits eingeführt war. In deren Folge wurde in Gera ein „Fonds zur Unterstützung heimischer Kunst“ angelegt, aus dem in den Folgejahren der Ankauf von Bildwerken getätigt werden konnte.

So entstand ein Fundus an Kunstwerken, von dem durch die nationalsozialistische Säuberungsaktion zur „Entarteten Kunst“ leider nicht alles erhalten geblieben ist, der aber durch gezielte Sammlungszuwächse in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Kunstsammlung Gera noch qualitativ erweitert werden konnte.

Dieser Sammlungsteil stellt die Basis für ein Konvolut mit regionaler Spezifik dar, das ein charakteristisches Bild des damaligen zeitgenössischen Kunstschaffens in Gera wiederspiegelt.

Am Beginn dominiert noch die plenairistische Landschaftsmalerei unter Verwendung lokaler Motiven der regionalen Umgebung. Dabei erfolgte eine Abkehr von den altmeisterlichen Kunststilen und die Hinwendung zu einer lockeren teils impressiven Malweise, in der sich das Bestreben nach farbintensiven Ausdruck zu erkennen gab. 

Die Veränderungen erfolgten nicht voraussetzungslos, sondern liegen in dem Umstand begründet, dass beispielsweise Künstler wie Paul Neidhardt, der zu den Lokalmatadoren der Ostthüringer Landschaftsmalerei gehört, in München studiert hatte oder Hermann Paschold, der seit 1910 Mitglied der Leipziger Sezession wurde, Anregungen und neue Sichtweisen aufnahmen und nach Gera brachten. Landschaftliche Motive aus fremden Ländern finden sich hingegen bei Paul Weiser, der wie ein Globetrotter unermüdlich die Welt bereiste und nahezu fünf Jahrzehnte außerhalb Deutschlands zubrachte.

Ab Mitte der 1920er Jahre widmete man sich zudem auch wieder stärker der Porträt- und Stilllebenmalerei, in der die gegenständlich-figurativen Tendenzen der Kunst der Neuen Sachlichkeit unverkennbar waren.

Nach 1945 trat eine neue Generation von Kunstschaffenden in Erscheinung, die sich zunächst an den Leistungen der Klassichen Moderne orientierte, aber letztlich um Entfaltung einer eigenständigen künstlerischen Handschrift bemüht waren.    

Die Kunstentwicklung in Gera erfolgte zwar jenseits der großen zeitgenössischen Avantgarden, hat aber im lokalen Rahmen eine erstaunliche Breite von Künstlern und Künstlerinnen hervorgebracht, deren künstlerische Lebensleistungen Mosaiksteine der Geraer Kunstgeschichte bilden.

In der Ausstellung beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

Frank-Dietrich Brinkmann, Richard Paul Burkhard-Untermhaus, Erich Drechsler, Herbert Enke, Kurt Günther, Ernst Holzhäuser, Willy Müller-Gera, Paul Neidhardt, Otto Oettel, Hermann Paschold, Enrico Richter, Hans Rudolph, Rudolf Schäfer, Johanna Maria Schwenker, Lisa Simcik, Alfred Uebel, Herbert Voigt, Helene Wedekind, Paul Weiser, Rudolph G. Werner,Alexander Wolfgang, Fritz Zalisz

 

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung
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Ernst Holzhäuser
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Erich Drechsler
Erich Drechsler
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